Diagnose: Hoffnungslos verloren
Politische Weitsicht und staatspolitisches Handeln bedürfen einer zwingenden Voraussetzung: der Hoffnung. Nur wer eine Zukunft sieht, ist bereit, sich für diese einzusetzen und sie aktiv zu gestalten. Doch wenn die Hoffnung schwindet, verengt sich der Blick auf das bloße Hier und Jetzt. Wer keine Zukunft mehr sieht, verliert die Fähigkeit, langfristige Entscheidungen zu treffen – für sich selbst, seine Familie und sein Land.
Der Schock der Nicht-Existenz
In meiner täglichen Arbeit und meinem Engagement für den Lebensschutz in Europa führe ich unzählige Gespräche mit jungen Menschen. Dabei begegnet mir immer öfter ein Argument, das mich zutiefst erschüttert. Angesichts von jährlich über 12.000 Abtreibungen in der Schweiz hört man von der jungen Generation oft nicht mehr die Leugnung des Lebens, sondern eine erschreckende neue „Ethik": Es sei für ein Kind besser, gar nicht erst auf die Welt zu kommen.
Dieser Gedanke ist doppelt schockierend. Erstens, weil er anerkennt, dass es sich um ein menschliches Leben handelt. Zweitens, weil er offenbart, wie schrecklich die Welt aus der Sicht dieser Generation sein muss. Man empfindet es als „verantwortungslos", ein Leben in diese Welt zu setzen. Diese Haltung ist keine rein politische Meinung; sie ist eine Kapitulationserklärung vor der Existenz selbst.
Die Symptome: Von der „Letzten Generation" zur Lebensmüdigkeit
Diese grassierende Hoffnungslosigkeit manifestiert sich überall. Die Bewegung der „Letzten Generation" trägt ihr Urteil bereits im Namen: Nach uns kommt nichts mehr. Wenn das apokalyptische Denken zum Mainstream wird, bricht die generationelle Kette. Warum in das Bildungssystem investieren, warum die Altersvorsorge reformieren oder die Schweizer Souveränität für das Jahr 2100 sichern, wenn man glaubt, dass die Welt bis dahin ohnehin untergeht?
Diese „Lebensmüdigkeit" ist messbar. Wir sehen eine Explosion von Depressionen und psychischen Krisen bei jungen Menschen. Das Paradoxe daran: Faktisch leben wir in einer Zeit, in der die Gewalt weltweit abnimmt und der materielle Wohlstand in der Schweiz so hoch ist wie nie zuvor. Doch materieller Reichtum scheint ein schlechter Puffer gegen spirituelle Leere zu sein.
Die Quelle des Vertrauens
Als gläubiger Christ stellt sich mir die Frage nach der Hoffnung anders – sie wurde für mich an Ostern beantwortet. Doch wir müssen feststellen, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter von ihren christlichen Wurzeln entfernt. Unsere Grosseltern besassen oft noch ein tief verankertes Grundvertrauen. Selbst wenn sie nicht jeden Sonntag in der Bank sassen, war ihr Weltbild in einer transzendenten Hoffnung verwurzelt, die über das eigene Leben hinausreichte.
Heute sehen wir eine interessante Korrelation: Studien deuten darauf hin, dass Menschen mit einem festen Glauben und wertkonservativen Überzeugungen seltener von der modernen Hoffnungslosigkeit erfasst werden. Man muss kein Wissenschaftler sein, um zu erkennen, dass der Mensch einen Sinn braucht, der grösser ist als sein Konsum. Wenn die Verbindung zur „spirituellen Quelle" gekappt wird, vertrocknet die Bereitschaft, langfristig zu planen.
Hoffnung als politisches Axiom
Wir müssen verstehen, dass Hoffnung kein „Gefühl" ist, sondern ein notwendiges Axiom für unser Handeln. Die banale, aber heute radikale Botschaft muss wieder lauten: Das Leben ist lebenswert. Das bedeutet nicht, dass es frei von Leid ist. Das Leben beinhaltet Schmerz, Verzicht und unangenehme Zeiten. Aber es beinhaltet eben auch eine Zukunft.
Die Politik kann diese Hoffnung nicht per Gesetz verordnen. Aber wir müssen auf der kulturellen Ebene gegen die Endzeit-Rhetorik einwirken. Wir brauchen eine Rückkehr zu einer „Kultur des Lebens", die das Kind nicht als CO2-Faktor oder Belastung sieht, sondern als das ultimative Ja zur Zukunft. Nur wer an ein Morgen glaubt, kann heute vernünftig regieren.